Pinzgauer Post, 28.10.1992
Kultur
Bläserfestival im Festsaal
Hand aufs Herz! Wußten Sie, daß der Ausdruck „Böhmische Musikanten“ keinesfalls etwas Abwertendes in sich trägt. Schon in der K. & K. Monarchie kam ein maßgeblicher Teil der Musiker, vor allem der Bläser aus Böhmen. Wenn nun in unseren Tagen höchstqualifizierte Musiker aus Prag sich mit österreichischen Kollegen zusammentun, um ein Sinfonisches Blasorchester zu erstellen, kann man von großen Erwartungen erfüllt sein. Diese glückliche Synthese von Bläsersolisten aus Prag und vornehmlich Oberösterreich ergab ein Zusammenwirken auf höchster blasmusikalischer Ebene, wie man es selten zu hören bekommt. Dieses „Sinfonische Blasorchester der österreichisch - tschechischen Musikfreunde“ wurde erst vor drei Jahren gegründet und hat bisher zwei Tourneen unternommen.
Bei der diesjährigen musikalischen Reise wurde vergangenen Sonntag auch im Festsaal Saalfelden ein Konzert gegeben, das nicht nur alle heimischen Blasmusiker, sondern darüber hinaus alle Freunde Sinfonischer Musik, also Orchestermusik ansprechen sollte. Nun, mancher wird sich nachher sagen müssen, da hätte ich doch dabei sein müssen; in Wahrheit, da hat er sicher etwas versäumt und so oft kommt diese Gelegenheit nicht wieder! Im ersten Teil brachte das 53 Musiker starke Orchester neuere Sinfonische Blasmusik von Donald E. Mc Ginnis, Gordon Jacob und James Curnow. Eine Sinfonie, ein Concerto mit Paukensolist und Fünf Klangbilder vermittelten einen Eindruck von zeitgenössischer Blasmusik im Orchesterrahmen.
Rhythmisch stark ausgeprägt, in der Dynamik ausgewogen und in der Harmonik natürlich in die Atonalität reichend, wurde ausgezeichnet und präzise musiziert. Unter Leitung des Dirigenten Walter Rescheneder, in Wels Musiklehrer, Musikschulleiter, Kapellmeister der Magistratsmusik und musikalischer Leiter des Städtischen Symphonieorchesters, wurde BIasorchestermusik in Vollendung geboten.
Im zweiten Teil brachte das Ensemble „Clarissimo“ Rossinis Ouverture zum „Barbier von Sevillo“ und „Choral und Danzo“ von Vaclav Nelhybel. Ein reines Klarinettenensemble ist jedoch auch nur auf eine Klangfarbe ausgerichtet, entbehrt vielleicht der Mischung mit dem schärferen Blech.
Nach der §Symphonic Rhapsodie“ von Warren Barker wurde das Konzert mit der „Nußknacker-Suite“ von P.I. Tschaikowsky abgeschlossen. Hier ergänzten Harfe und Celesta die Klangvielfalt dieses populären Werkes. Erfreulich war die Draufgabe, eine „Polka“ des russischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch beeindruckte durch Spritzigkeit, instrumentalen Witz und musizierfreudige Wiedergabe. Ein Konzertabend, wie er nicht so bald wiederkommen wird, hat das anwesende Publikum sicher restlos begeistert.
Gottfried PLOHOVICH
Kronen-Zeitung, 10.3.1994
KRITIK IN KÜRZE
Jeunesse-Konzert mit anregendem Raritätenprogramm im Linzer Brucknerhaus: Ein Glanzpunkt das Orgelkonzertes von Poulenc mit Thomas Daniel Schlee als Solist, der mit glasklarer Artikulation und farbsinnlicher Registrierung überzeugt. Außerdem das Schlagwerkkonzert (1930) von Milhaud mit dem trefflichen Wolfgang Reifeneder am Rhythmusgerät. Die Südböhmische Kammerphilharmonie musizierte unter dem elegant führenden Dirigenten Thomas Doss. Doss steuerte als Komponist auch die Uraufführung seiner zehnteiligen Kantate "Sonnengesang des heiligen Franziskus" bei. Eine stark introvertierte, aus gregorianisch-mittelalterlichen Elementen gewonnene Musik, um die sich das kultivierte "Collegium vocale Linz"
und Susanne Schoißwohl (Sopran) sowie Lajos Endre Szantho (Tenor) verdient machten. BS
OÖ Nachrichten, 10.3.1994
Thomas Doss als Dirigent und Komponist in Linz.
Neues von der Doppelbegabung
Von Franz Zamazal
Das Dienstag-Konzert im Brucknerhaus war auf ein junges und jung gebliebenes Publikum ausgerichtet. Es vermittelte die Begegnung mit Werken der maßvollen Moderne, stellte heranwachsende Künstler heraus und bot dem aufstrebenden Linzer Thomas Doss Gelegenheit, die Uraufführung seines jüngsten, großangelegten Werkes selbst zu dirigieren.
Thomas Doss ist kein Unbekannter mehr. Seit Jahren schon konnte man seine erfolgreiche Laufbahn als Dirigent verfolgen und immer wieder gelungene Proben seines kompositorischen Könnens registrieren. Die Vertonung des Sonnengesanges des hl. Franziskus für Soli, Chor und Orchester versucht die mittelalterliche Geistes- und Sinneshaltung mit heutigen Mitteln einzufangen, wobei es in erster Linie um meditationsartige Bildhaftigkeit und Stimmungsgehalte der einzelnen Abschnitte geht. Die guten Einfälle, die überraschende Klanglichkeit und rhythmische Vielfalt ergeben eine fließende Linie, die nur spärlich dramatisch aufgerissen wird. Das 45-Minuten-Werk verlangt. vom Zuhörer viel Aufnahmebereitschaft und ein Ablösen vom Alltag. Als Interpreten stand der Chor "Collegium vocale Linz" mit beneidenswert vielen jungen, schön klingenden Stimmen (Einstudierung Josef Habringer), aber mit leider wenig Textdeutlichkeit zur Verfügung. Die Solopartien waren mit Susanne Schoiswohl und Lajos Endre Szantho ausgezeichnet besetzt.
Beim Konzert für Schlagwerk von Darius Milhaud erwies sich Wolfgang Reifeneder als souveräner Solist, und beim Orgelkonzert von Francis Poulenc zeigte der Linzer Musikdirektor Thomas Daniel Schlee seine Qualitäten als stilsicherer und virtuoser Beherrscher seines Instruments.
Für den ganzen Abend war. Thomas Doss an der Spitze der gut vorbereiteten Südböhmischen Kammerphilharmonie ein vorzüglicher Kapellmeister im echten Sinn des Wortes.

Der Komponist als Dirigent: der Linzer Thomas Doss im Brucknerhaus.
Foto: Nöbauer
Neues Volksblatt, 10.3.1994
Jeunesse- Konzert: Brillante Solisten
Im ersten Teil des Jeunesse-Konzertes am Dienstag im Linzer Brucknerhaus bestachen brillante Instrumentalsolisten: Wolfgang Reifeneder als Schlagzeuger im "Konzert für Schlagwerk - und kleines Orchester" von Darius Milhaud, Thomas Daniel Schlee in der virtuosen Handhabung der Orgel und stilgerechten Registrierkunst anläßlich des "Konzertes für Orgel und Streicher" von Francis Poulenc. Der zweite Konzertteil war der Uraufführung des "Sonnengesangs des heiligen Franziskus" von Thomas Doss vorbehalten. Den schwierigen Chorpart besorgte das sauber intonierende Collegium vocale Linz. Außerdem waren die Solisten Susanne Schoiswohl und Lajos Endre Szantho sowie die Südböhmische Kammerphilharmonie an der Umsetzung dieses vonl Pentatonik und ostinaten Rhythmen geprägten Werks beteiligt. Chr. Grubauer
Salzburger Nachrichten 28.8.1996
Wieviel wert ist das Wort ohne Bild?
Ein großes Bekenntnis zur großen Oper

Schönbergs „Moses und Aron“ – Die letzte Premiere der Salzburger Festspiele setzte ein Problem in Szene und musikalische Maßstäbe
Von László Molnár
Könnte es sein, daß Peter Steins Inszenierung von Schönbergs "Moses und Aron" erst jetzt, in Salzburg, ihr Zuhause gefunden hat, obwohl sie schon im vergangenen Jahr, im Oktober, in Amsterdam das Licht der Welt erblickte? Denn szenisch scheint sie exakt für die Verhältnisse gemacht worden zu sein, die ihr das Große Festspielhaus zu bieten hat. Das Bühnenbild von Karl Ernst Herrmarnn gliedert souverän den Raum und bedient sich dafür der in ihrer Erscheinung sparsamsten Mittel: helle Farben, Neonröhren, Scheinwerfer, zu Beginn ein wahrhaft mystisch brennender Dornbusch. Die Goldfarbe des Portals nimmt die Messingtöne des Zuschauerraumes auf, verbindet Bühne und Parkett mehr, als sie sie abgrenzt. Ebenso souverän hat sich - besser, seinen Darstellern - Peter Stein den Raum und seine Struktur angeeignet. Moses und Aron wandern in der Wüste und wirken in der Weite doch nicht verloren. Des dritten Protagonisten, des Chores, bedient sich Stein sichtbar zu seiner Freude und führt ihn nicht nur, nein, er choreographiert ihn "- bei der Verwandlung des Stabes in die Schlange – in den Raum hinein.
Und das ist wohl der Sinn der Übung: Diese Inszenierung strahlt in Salzburg eine ungemeine Vitalität aus. Peter Stein hat des Dirigenten Pierre Boulez Überzeugung in Szene gesetzt, daß es sich bei "Moses und Aron" eben nicht um ein szenisches Oratorium handelt, sondern um eine Oper durch und durch.
Wie Boulez musikalisch eine einzigartige Kompetenz bewiesen hat, für sich selbst diesen Anspruch einzulösen, davon weiter unten, Musikalisch bietet die Produktion nämlich nicht den geringsten Anlaß zur Diskussion, kann sie den Status der Perfektion für sich reklamieren. Szenisch leistet sie sich hingegen Momente, die sie anfechtbar machen. Es gibt aber auch Indizien, daß dies sehr wohl beabsichtigt sein könnte.
David Pittman-Jennings ist Moses, Chris Merritt Aron. Ein Sprecher-Bariton und ein zeitgenössisch-jugendlicher Heldentenor. Das denkende Prinzip und das Handelnde. Stein gelingt es, die Figuren zu beleben und ihre Prinzipien erkennbar zu halten. Und Aron, kommt keinesfalls schlecht davon. Auch er reflektiert, auch ihm fließt das Wort nicht ohne Überlegung von der Zunge. Er kennt die Not seines Bruders, und er gibt sich Mühe, dessen Gedankenwelt bildhafte Worte zu verleihen. Stein zeigt: Auf Moses' Frage "Aron, was hast du getan?" antwortet dieser ganz zu Recht: "Nur, was stets meine Aufgabe war." Aron ist nicht der Demagoge, und er ist nicht derjenige; der die Massen manipuliert. Er ist einer, der versucht, die fast unerfüllbare Aufgabe zu erfüllen, im Bilderverbot bildhafte Worte zu finden. Die Massen in Schönbergs Oper sind sehr selbständig, ängstlich und launenhaft. Moses ringt mit den Gedanken, die ihn überkommen, und Aron mit den Worten, die zu ihnen gehören. Gedanke und Wort sind eins und zwei zugleich; sie liegen im Kampf mit denen, an die sie gerichtet sind. Moses und Aron sind in Steins Auslegung eins und doch getrennt, sie sind zwei Personen und doch einen Geistes.
Ist nicht das Wort schon ein Abbild des Gedankens?
Ausstattung (die Kostüme stammen von Moidele Bickel),Bühne und Inszenierung geben in Stilistik und Haltung zu verstehen, daß dies - o Wort, das mir fehlt - die entscheidende Botschaft der Oper ist. Bereits hier setzt die fundamentale Problematik des Verbotes an, sich vom "neuen" Gott ein Bild zu machen. Denn: ist nicht schon das Wort ein Abbild des Gedankens? Die Volksszenen - die Wunderszenen, derTanz um das goldene Kalb - scheinen in diesn Rahmen hineinzuplatzen, werden zu einem bizarren Testfall dafür, welche Gültigkeit das Wort haben kann. Diese Ereignisse reißen die Brüder heraus aus ihrer hermetischen, geordneten, gedankenreinen Welt. Stein und Herrmann stören die Ordnung des Raumes solange, bis sie diesen fast zerstören. Das Wunder mit der Stoffschlange ist lächerlich - Stein hat den Chor so fein choreographiert, daß man allein seinen Schlangenbewegungen den Schrecken abnimmt; die Lächerlichkeit des Stofftiers muß Absicht sein. Ebenso das groteske, entwürdigende Bacchanal, in konvulsivisches Zucken gebracht von Ron Thornhill und Lucinda Childs, vor dem goldenen Kalb. Das ist kitschig, das ist geschmacklos, und das soll es sein. Das Volk ergeht sich nicht in einer höheren Trance, sondern stürzt sich über die Niederungen einer primitiven, keine Grenzen kennenden Triebhaftigkeit. Es will nichts als Bilder. Stein hat diese bereit: ein Rind, Pferde, Arabergewänder und Brokatdecken. Symbole einer lächerlichen Macht, Zeichen eines lächerlichen Wohlstandes.
Ein Risiko trägt dieses Zurschaustellen des Abgeschmackten allerdings in sich: daß das Abgeschmackte nicht als Bruch der Inszenierung verstanden wird, sondern als ihr Wesen. Stein möchte, sollte in seiner Ironie ernstgenommen werden, nicht in seiner Bildersprache. In der Tat: es herrscht etwas Erklärungsbedarf, und was braucht nun der Gedanke: das Bild, das Wort?
In diesem Fall: auch die Musik. Das war die unvermittelte, die nie anzuIzweifelnde, die eindeutige Komponente des Abends: Diese außerordentliche Sinnlichkeit, zu der sich Schönbergs aus dodekaphoner Ordnung entstandene Musik durch Pierre Boulez verleiten ließ. Boulez entzündete in ihr das Feuer der großen Oper, ließ es flirren, züngeln und brodeln. Welche Farbtöne allein von den Streichern kommen können, wie sich Schönbergs Musik zugleich für Attacke und Lineament anbietet, mit welcher Geschmeidigkeit sie dem Gesang den Untergrund, das Gebäude bereitet. Dieser Deutung war das Königliche Concertgebouw Orchester Amsterdam ein phänomenales Instrument, eines, dem Kraft und Präzision nie ausgehen wollte.
Kaum zu glauben, daß Chris Merritt der selbe Sänger gewesen sein soll, der in "Oberon" Mißfallen auf sich gezogen hatte. Alles andere! Ein jugendlich-heldenhaft strahlender Mensch, einer, hat er einmal den Funken des Gedankens gefangen, dem Wort Glanz und Leuchtkraft verlieh. Einer, dem Zweifel die Stimme verdüstern und die Fähigkeit zum Handeln sie ihm erhellt. Daß er als Verkünder zudem über eine makellose Diktion gebot, ist in der Rasanz des Opernbetriebs durchaus nicht selbstverständlich.
David Pittman-Jennings gestaltete die Sprechrolle - auch nach dem erklärten Willen von Boulez - mit seiner schlank geführten, zugleich aber warmen und kraftvollen Stimme als eine Art deklamatorischen Gesang. Das verleiht der Partie des von Zweifeln gebeutelten Moses Wärme und Menschlichkeit. Er zieht sich wohl zurück, ist aber weder "cool" noch erhaben. Obwohl Werkzeug seines Gottes, ist auch er ein Mensch.
Die Besetzung ist der Verewigung würdig
Bereits auf CD verewigt, erweist sich die Besetzung der Dokumentation würdig: László Polgár als energische Priester-Gestalt, Yvonne Naef als eine Kranke, Gabriele Fontana als ein junges Mädchen, John Graham Hill, Siegfried Lorenz, Michael Devlin und Par Lindskog in den kleineren Rollen. Hervorragend der Chor des Opernhauses Amsterdam, einstudiert von Winfried Maczewski: oratorische Klarheit, Klangfülle der Oper und bis in die Parkett-Tiefen verständliche Aussprache haben die Rolle des Volkes auch musikalisch zu einem echten dritten Protagonisten gemacht, belebt von der energisch feinzeichnenden Handschrift des Dirigenten.
Weniger als Sensualität, als persönliches Profil dieses Kalibers dürfen sich Festspiele, wollen sie diesen Titel wert sein, nicht leisten. Die Musikalische Kompetenz ist diejenige, die auch der Arbeit auf der Bühne die Substanz darreicht. In diesem Sinne ist "Moses und Aron", obwohl kein genuines Festspiel-Produkt, weil mit der Amsterdamer Oper gemeinsam hergestellt, für die Salzburger Festspiele eine wegweisende, eine maßstabsetzende Produktion.
Copyright by Wolfgang Reifeneder 2005. Sitedesign und Implementierung: Adolf Pilz
Stand: 10.11.2006
