Print-Presse 18.04.2003
Wienerischer Geigenklang im Kirchenraum
Thomas Christian Ensemble: ein sehr nachhaltiger Eindruck.
Kammermusik auf höchstem Niveau präsentierte Thomas Christian mit seinem gleichnamigen Ensemble in der Minoritenkirche im Rahmen des Osterklang-Festivals: präzis, nachhaltig und in einem bewundernswerten Zusammenspiel. Schostakowitschs 8. Streichquartett in c-Moll, oft als das künstlerische Vermächtnis des Komponisten bezeichnet, berührte Musiker wie Publikum gleichermaßen. Christians intensives, sehr wienerisches Geigenspiel übertrug sich in kürzester Zeit auf die zum Teil deutlich jüngeren Kollegen. Kleines Manko: Die musikalische Intensität verlor sich durch den verzerrenden Nachklang des Kirchenraums allzu schnell.

Geigenklang in der Minoritenkirche
Mit Gustav Mahlers 4. Symphonie in G-Dur, in der Kammermusikfassung von Erwin Stein, zeigten die Musiker eindrucksvoll ihr solistisches Können ebenso wie ihren perfekten Ensemble-Klang. Mit breit angelegten dynamischen Bögen in jedem Einzelnen der vier Sätze erzeugten sie einen Klangteppich, auf den die Solisten gekonnt aufsetzten konnten - ohne sich dabei über Gebühr in den Vordergrund spielen zu müssen. Das gilt auch für Sopranistin Camilla Tilling. Ohne Aufsehen gliederte sie sich souverän und mit einem angenehm deutlich gesprochenem Text in das "himmlische Leben" ein. Ihre vielen kleinen Nuancen und die reichhaltige Farbigkeit ihrer Stimme ließen aufhorchen.
Ein gefälliger und grundsolider Abend, der wieder einmal beweisen konnte, dass auch nichtsakrale Werke zum Gottesdienst, egal welcher Religion, zu animieren vermögen. mrn
Kronen-Zeitung 19.9.2005
KRITIK IN KÜRZE
Das Thomas Christian Ensemble gestaltete beim Brucknerfest einen gelungenen Konzertabend im Brucknerhaus mit aus dem "Schönberg-Kreis" entsprungenen Bearbeitungen von orchestralen Klangwerken der Jahrhundertwende. Die Reduktion einer Orchesterpartitur auf ein Dutzend Musiker bedeutet keine verlustträchtige Sparvariante, sondern lässt einen das musikalische Nervensystem viel mehr aufspüren. Unvernebelte Zartheit bei Debussy, Gustav Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen" litten unter der etwas intonationstrüben, wenn auch schönen Baritonstimme von Paul Armin Edelmann. In Mahlers Vierter erlebte man im dritten Satz die musikalisch dichtesten Momente, die Ildiko Raimondi im Finale krönte. Ein gelungener Abend mit einem leistungsfähigen Ensemble, der im kleineren Stiftersaal mit Sicherheit mehr Intensität erlebt hätte. NT
Neues Volksblatt 26.9.2003

Akademische Hausmusik im Brucknerhaus vom Thomas-Christian-Ensemble Foto: Nöbauer
Interessantes Experiment
Das Thomas-Christian-Ensemble in der Besetzung Streichquintett, Klarinette, Horn, Klavier-vierhändig und Harmonium bescherte dem Linzer Brucknerfest am Mittwochabend eine österreichische Erstaufführung von höchst bemerkenswertem Inhalt: eine Wiedergabe der "Siebten" Bruckners, wie sie 1921 für "Schönbergs Verein für musikalische Privataufführungen" arrangiert wurde. Überrascht die Klangwirkung, an die man sich zwar erst gewöhnen muss (zunächst einem Salonorchester vergleichbar), die aber dennoch "Neues" dem an Bruckner-Or:chesterklänge sonst gewöhnten Ohr erschließt: Da werden Mittelstimmen und Konturen entdeckt, staunt man über die Wirkung von Horn mit Harmonium, lässt sich von neu entdecktem Material überraschen. Ein Experiment, das sich gelohnt hat und wofür den Ausführenden nicht genug zu danken ist, wenngleich ein allzu gestikulierender Pianist seinen Part vielleicht als Solo-Auftritt missverstanden haben könnte, oder das manchmal sehr "nervös" wirkende Streicher-Vibrato dezimiert auf intimere Klänge abgezielt hätte. Last, not least: HAUS-Musik im Bruckner-HAUS, wie man sie gerne wieder hören würde mit einer anderen Symphonie, wenngleich das nicht dazu verleiten sollte, das ohnedies schon "magere" Programm auf solche Klänge zu reduzieren...
Rupert G. Frieberger

Zehn Solisten statt eines 80-Kopf-Orchesters Foto: Nöbauer
Brucknerfest: Dank an das Thomas-Christian-Kammerensemble
Auch Musiknoten haben ein Schicksal
VON FRANZ ZAMAZAL
Musiknoten haben oft ihr trauriges Schicksal, so auch eine Bearbeitung von Bruckners "Siebenter". Das kam so: Arnold Schönbergs "Verein für musikalische Privataufführungen" bot ab Ende 1918 in Wien "neue Musik", darunter größere Werke speziell für Kammerensembles bearbeitet. Auch diese Symphonie war dafür vorgesehen. Erwin Stein, Hanns Eisler und Kurt Rankl teilten sich die Bearbeitung der einzelnen Sätze für Klarinette, Horn, Streichquintett, Klavier und Harmonium –alles solistisch besetzt. Eine Reihe widriger Umstände verhinderte seinerzeit eine Aufführung. Die Noten ruhten im Archiv, wanderten in die USA und wieder zurück nach Wien in das Schönberg Center. Die Partitur war dem Namen nach bekannt, blieb aber ungespielt und ungedruckt.
Ein Zufall ließ sie einem interessierten Musiker in die Hände fallen. Auf die Uraufführung in Köln folgte eine CD-Produktion. Für die österreichische Erstaufführung griff das Brucknerfest zu: Am Mittwoch hat sich im Brucknerhaus das Thomas-Christian-Kammerensemble voll und ganz dafür eingesetzt. Die Aufführung hatte Format, wirkte nachhaltig, beeindruckte durch die Intensität. Inhalt und Form des Originals bekamen ihre Gestalt, wenn auch hiefür nur zehn Solisten anstelle der oft üblichen 80 Orchestermusiker spielten. Heikel ist diese Bearbeitung allemal. Der Zuhörer benötigt Zeit zum Einhören, denn es ergibt sich keine l:l-Reproduktion, sondern die Konzentration auf Wichtiges und Wesentliches. Charakteristisches kam aber voll zur Geltung, besonders im zweiten Satz - und erst recht bei der Wiederholung als Zugabe.

Copyright by Wolfgang Reifeneder 2005. Sitedesign und Implementierung: Adolf Pilz
Stand: 10.11.2006
